OpenAI hat Anfang September eine 166 Seiten lange mögliche Lösung des Navier-Stokes-Problems vorgestellt. Laut The Decoder, das sich auf Scientific American beruft, behauptete das Unternehmen, der Beweis folge dem Ansatz der spanischen Mathematiker Diego Córdoba und Luis Martínez-Zoroa. Mehrere Expertengruppen kommen nun zu einem anderen Schluss.
Streit um die Herkunft des Ansatzes
Mathematiker Gonzalo Cao-Labora von der EPFL sagt, bei genauer Betrachtung handle es sich um einen anderen Ansatz; die Ähnlichkeiten seien nur oberflächlich. Der Beweis ist in der Verifikationssprache Lean kodiert, die die formale Gültigkeit der logischen Schritte prüft, ihn aber nicht automatisch für Menschen verständlich macht. Er liegt seit seiner Vorstellung beim Clay Mathematics Institute (CMI) zur Prüfung.
Zudem erhebt der Mathematiker Tristan Buckmaster von der New York University den Vorwurf, OpenAI habe auf Fortschritten aufgebaut, die er und Levent Alpöge von Anthropic mit öffentlich zugänglichen Modellen erarbeitet hatten. OpenAI widerspricht und schließt aus, Buckmasters Daten verwendet zu haben. Camillo De Lellis vom Institute for Advanced Study hält eine endgültige Klärung wohl für unmöglich, da Sprachmodelle als Blackbox funktionieren.
Veröffentlichung weiterer Ergebnisse
Anfang Oktober veröffentlichte OpenAI rund 400 weitere Ergebnisse, die die Fachwelt kaum überblicken kann. Die Publikation als lose Paper-Sammlung auf GitHub verärgerte viele Mathematiker, weil sie darin eine Herabwürdigung ihres Fachs sahen.
Unklarer Beitrag des Agentenschwarms
OpenAI setzte nach Angaben der Quelle rund 10.000 Modellinstanzen für etwa 88 Stunden Rechenzeit und 130 Milliarden Tokens ein. Laut dem OpenAI-Forscher Noam Brown ist unklar, was dieser Agentenschwarm tatsächlich zur Lösung beigetragen hat. Systematische Vergleichstests mit tausenden Agenten seien zu teuer, weshalb das Verhalten in dieser Größenordnung kaum erforscht sei. Brown schreibt dem Multi-Agenten-Ansatz weniger als zehn Prozent des Erfolgs zu und betont, entscheidend sei das zugrundeliegende Basismodell.
Einordnung
Solange das CMI die Lösung nicht bewertet hat und sich die Fachwelt über die Eigenständigkeit des Ansatzes uneinig ist, sollte man die Behauptung eines Durchbruchs als offen betrachten. Für Unternehmen und Forschungsteams, die KI-generierte Ergebnisse übernehmen wollen, ist der Fall ein Hinweis darauf, dass Herkunft, Prüfbarkeit und die tatsächliche Rolle einzelner Systemkomponenten sorgfältig geklärt werden sollten.
Quellen
Redaktionell verantwortet von Ideal Syka. Quellen und Arbeitsweise: Redaktion & Methode. Hinweise und Korrekturen: ai@i6eal.de.




