Die Berliner Polizei hat ein Pilotprojekt zur KI-gestützten Videoüberwachung gestartet. Am Kottbusser Tor im Stadtteil Kreuzberg beginnt derzeit die Konfiguration von Kamerasystemen, die künftig automatisiert Situationen analysieren sollen – nicht einzelne Personen. Ein semantisches und räumliches KI-System zur Lageanalyse kommt hier zum Einsatz.
Kurz & knapp
- Auftraggeber: Berliner Polizei; Auftragnehmer: adesso SE und Staige
- Technologie: Semantische und räumliche KI zur Situationsanalyse (nicht zur Gesichtserkennung)
- Zeitplan: Konfiguration dauert ca. vier Wochen, dann Testbetrieb
- Weitere Standorte geplant: Warschauer Brücke, Alexanderplatz, Görlitzer Park, Wrangelkiez
- Rechtsgrundlage: Berliner Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG)
Wie die Technologie funktioniert
Das System arbeitet nicht mit Gesichtserkennung. Stattdessen bewertet die KI konkrete Situationen und Ereignisse im überwachten Raum. Registriert sie Anzeichen für Gewalt- oder Schadensereignisse, sendet sie eine Meldung ab. Die letztendliche Entscheidung verbleibt immer bei einer menschlichen Polizeikraft – das ist ein wichtiger Punkt für die Compliance mit dem EU AI Act, der bei Hochrisiko-Systemen menschliche Kontrolle vorsieht.
Zum Schutz der Privatsphäre werden sensible Bereiche wie Hauseingänge und Fenster in den Kameraübertragungen unkenntlich gemacht. Das Konzept versucht also, zwischen Sicherheitsanforderungen und Persönlichkeitsschutz zu balancieren.
Widerstand von Datenschützern
Das Projekt ist politisch umstritten. Die Berliner Datenschutzbeauftragte Meike Kamp äußerte deutliche Bedenken. Sie warnte davor, dass automatisierte Verhaltensscanner die herkömmliche, anonyme Nutzung des öffentlichen Raums beeinträchtigen könnten. Zudem verwies Kamp darauf, dass nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl unklar sei, wie der schwarz-rote Senat das Vorhaben künftig weiterführen werde.
In den betreffenden Gebieten formiert sich politischer Widerstand gegen das KI-Überwachungsprojekt. Das deutet darauf hin, dass die Akzeptanz für solche Systeme in der Bevölkerung und unter Politikern nicht selbstverständlich ist.
Was das für deutsche Unternehmen bedeutet
Das Berliner Pilotprojekt ist ein Testfall für die praktische Anwendung des EU AI Act in Deutschland. Unternehmen, die KI-Systeme zur Videoüberwachung oder Verhaltensanalyse entwickeln oder einsetzen, sollten genau beobachten, wie die Behörden hier Compliance umsetzen – insbesondere bei der Dokumentation von Hochrisiko-Systemen, der Gewährleistung menschlicher Kontrolle und dem Umgang mit Datenschutzbedenken. Die Erfahrungen am Kottbusser Tor werden wahrscheinlich als Referenz für andere Bundesländer herangezogen. Wer solche Systeme anbietet, sollte jetzt klären, wie die eigene Lösung die Anforderungen des AI Act erfüllt und welche Transparenzpflichten entstehen.
Quellen
Redaktionell verantwortet von Ideal Syka. Quellen und Arbeitsweise: Redaktion & Methode. Hinweise und Korrekturen: ai@i6eal.de.




